Hans Dominik: Kautschuk. Industrie, Liebe und Spionage

„Kautschuk“ und die Industriespionage

Mit Kautschuk stellen wir den zweiten Industrieroman Hans Dominiks vor. Anders als in Hochströme widmet er sich in diesem Buch nicht seinem Fachgebiet, der Elektrotechnik, sondern der Chemie. Das bedeutete für ihn aber kein Umschwenken, keine Verlagerung der Interessen. Vielmehr gehörten so ziemlich alle technischen Neuerungen zu seinem Interessensgebiet.

Schon in dem 1928 erschienen Sammelband Triumphe der Technik widmete Dominik ein Kapitel der Kohleverflüssigung, zwischen Tonfilm und Kreiseln. Sein Ansatz war dahingehend ziemlich pragmatisch und übergreifend:

Geistreiche Lösungen technischer Probleme sind es, die man lange Zeit für unlösbar hielt, bis es schließlich doch gelang, den Widerstand der Natur zu besiegen, ihr ihre letzten Geheimnisse abzulauschen.

Hans Dominik: Triumphe der Technik, 1928

Aber zurück zum Hintergrund der Geschichte: 1927 war eine Methode zur Erzeugung synthetischen Kautschuks zum Patent angemeldet worden. Dieser wurde unter dem Namen Buna bekannt. Ab 1935 wurde mit der Produktion dieses künstlichen Kautschuks in den Buna-Werken Schkopau begonnen. Deutschland musste bis dahin den für die Industrie immer wichtiger werdenden Rohstoff Naturkautschuk vollständig importieren. Mit Buna hatte man nun eine heimische Alternative.

Hans Dominik hatte offensichtlich die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und veröffentlichte 1930 schon den Roman Kautschuk, in dem es um Produktionsverfahren für künstlichen Kautschuk geht. Er siedelt seinen Roman in den Rieba-Werken an, wo man erfolgreich daran arbeitet, den Naturkautschuk abzulösen. Die ausländische Konkurrenz ist natürlich ebenfalls an diesem Verfahren interessiert, das den Weltmarkt für Kautschuk auf den Kopf stellen könnte.

In den Rieba-Werken hat auch der Chemiker Clemens Hartlaub eine Anstellung als Bürodiener gefunden. Der kehrte desillusioniert aus den USA zurück und will die dunklen Machenschaften seines ehemaligen Arbeitgebers aufdecken. Hartlaub hatte sich eine Karriere bei dem Konzern United Chemical erhofft, wurde aber dort rausgeworfen, nachdem ihm einer der Chefs auch noch seine Frau Juliette abspenstig gemacht hatte. Nun, in den Rieba-Werken angekommen, bemerkt er schnell, dass seltsame Dinge vorgehen.

Auf eigene Faust beginnt Hartlaub zu ermitteln und findet bald eine Spur, die zu United Chemical zu führen scheint. Und seine Frau Juliette taucht ebenfalls auf. Sollte sie in die Industriespionage verwickelt sein?

Hans Dominik selbst kommentierte die Geschichte dieses Romans folgendermaßen:

Dieses Mal mußte der synthetische Kautschuk den Stoff für die Erzählung hergeben. Unter dem Titel Kautschuk ist das Buch dann auch erschienen. Damals griff es der Zeit noch erheblich voraus. Heute, da wir im Buna einen vorzüglichen synthetischen Kautschuk besitzen, ist ein Teil dessen Wahrheit geworden, was damals noch Zukunftsmusik war. Etwas anderes wurde noch schneller Wahrheit. In diesem Roman tritt eine raffinierte Spionin auf, die sich als Scheuerfrau in das deutsche Chemiewerk einschmuggelt. Ich hatte das Manuskript noch kaum zur Hälfte fertig, als man im Leuna-Werk eine Scheuerfrau verhaftete, die sich als die Frau eines ausländischen Agenten entpuppte und ganz tüchtig Spionage getrieben hatte. Wieder einmal hatte sich gezeigt, daß der Schriftsteller der Wirklichkeit sehr nahekommt, wenn er seine Szenen streng logisch aufbaut, sie geistig sozusagen mit Zirkel und Lineal konstruiert.

Hans Dominik: Vom Schraubstock zum Schreibtisch, 1943