Ein wenig Technikgeschichte … Luftschiffe und Funkentelegraphie

„Die beiden jüngsten Kinder unserer modernen Technik, Luftschiffahrt und drahtlose Telegraphie, die dem 20. Jahrhundert ihren Stempel aufzudrücken berufen sind, stehen von Anbeginn an in Deutschland in engen wechselseitigen Beziehungen zu einander. Diese resultieren in erster Linie aus den vielfachen gemeinsamen Berührungspunkten beider und einer inneren Verwandtschaft insofern, als ihr Arbeitsfeld der weite Ocean des Luftmeers ist, von dessen Tücken und Launen beide im gleichem Maße abhängig sind und bei dessen Durchforschung und Eroberung die eine die Hilfe der anderen nicht entbehren kann.“ (Telefunken Zeitung, Nr. 5, April 1912, S. 56)

Hans Bartsch von Sigsfeld (9.2.1861-1.2.1902) war einer von denen, die an diesen Berührungspunkten zweier Strömungen der Technik des frühen 20. Jahrhunderts tätig war. Der begeisterte Ballonfahrer konstruierte unter anderem zusammen mit August von Parseval den 1893 patentierten Drachenballon, der die Nachteile des Fesselballons ausgleichen, und auch bei starken Winden in der Luft bleiben sollte. Ab 1897 wurden die ersten Drachenballons von der Augsburger Fabrik August Riedingers geliefert.

Schon 1896 gab von Sigsfeld einer militärischen Laufbahn den Vorzug und trat in die Tegeler Luftschiffer-Abteilung ein. Ab 1897 widmete er sich dort der Aufgabe, die drahtlose Telegraphie, Funkentelelegraphie genannt, für die militärische Verwendung nutzbar zu machen. Hier machte sich seine Ballonerfahrung bezahlt, denn von Sigsfeld konstruierte kleine Fesselballons, deren mehrere hundert Meter lange Haltekabel als Antennen genutzt wurden. 1900 wurden die mobilen Funkstationen der Luftschiffer-Abteilung mit ihren Ballon-Antennen im Kaisermanöver erstmals erfolgreich demonstriert.

Während dieser ersten Zeit arbeitete Hans Bartsch von Sigsfeld mit Adolf Slaby zusammen, einem Vertreter der AEG die vorwiegend für die Kaiserliche Marine arbeitete. Weitere Tests führte er 1901 mit Ferdinand Braun in Straßburg durch, dieser im Lager des zweiten deutschen Unternehmens, das an der Funktelegrafie interessiert ware, Siemens & Halske, und vor allem für das deutsche Heer tätig war.

Ein Jahr später, 1903, gründeten die AEG und Siemens & Halske die Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H. Diese Gesellschaft bündelte die Patente der beiden Gründungsgesellschafter und baute Sende- und Empfangsanlagen für die drahtlose Nachrichtenübermittlung. Es dauert dann aber noch weitere 9 Jahre bis Telefunken 1912 die ersten drahtlosen Empfänger für die Luftschiffahrt vorstellen konnte.

Es dauert solange, bis die Anlagen die Hauptmann Bartsch von Sigsfeld noch von einem Vierspänner ziehen lassen musste, klein und leicht genug geworden waren, um in einem Ballon oder Zeppelin transportiert werden zu können. Telefunkens Hörempfänger E33 wog 3,5kg und sollte es den Luftschiffern ermöglichen, aktuelle Wetterinformationen zu erhalten. Auf Sendeeinrichtungen, die den berühmten Funken produziert hätten, wurde hier noch aus Angst vor Explosions- und Feuergefahr verzichtet.

Während dieser Empfänger recht klein war, 20*20*20cm, hatte die Antenne noch die Dimensionen, die auch von Sigsfeld nutzte. Nur schwebten die mehr als 100m Draht unter dem frei fliegenden Ballon oder Luftschiff, und ketteten es nicht mehr an den Grund, wie bei dessen mobilen, aber erdgebundenen Stationen. Spätere Anlagen, die dann auch senden konnten, waren eher für Luftschiffe bestimmt, und wogen schon ca. 125kg, inklusive Dynamo für die Stromerzeugung.

Für Flugzeuge wurden ähnliche Geräte genutzt. Auch hier verwendete man lange Antennendrähte, die man während des Fluges ab- und aufwickelte. Da Flugzeuge vergleichsweise niedrig fliegen konnten ergriff man hier besondere Vorsichtsmaßnahmen:

„Das Ende des Drahtes war mit einer Bleikugel beschwert, um ein leichtes Abwickeln desselben herbeizuführen und um den Draht in abgewickeltem Zustande stets gespannt zu halten. Der Draht selbst war in Abständen von 5 zu 5 m mit Reißstellen versehen. Diese Reißstellen, deren Zerreißfestigkeit nur ca. 4 bis 5 kg betrug, sollten in dem Fall, daß der Antennendraht sich bei niedrigen Flügen irgendwo am Erdboden verwickelte, zerreißen und auf diese Weise verhindern, daß das Flugzeug selbst durch einen Ruck in Gefahr geriet.“ (Erich Niemann, Funkentelegraphie für Flugzeuge, 1921, S. 10)

Trotz all dieser praktischen Probleme war man schon früh von der baldigen Perfektionierung des Funkwesens in der Luftfahrt und deren vielfältigen Nutzung überzeugt. Rudolf Martin rüstete schon 1907 in seinem Zukunftsroman Berlin-Bagdad ganze Luftschiff-Flotten mit Funkenspruch-Anlagen aus. Auch er sieht die Entwicklung der drahtlosen Telegraphie und der Luftfahrt im Gleichtakt zu einem Fortschritt der Kultur:

„Im Jahre 1829 zog zum erstenmal Stephensons Lokomotive einen Eisenbahnzug. Bald jagte man den elektrischen Funken den Draht entlang zwangsweise um die Erde. Durch die drahtlose Telegraphie sucht man sich von der Zwangläufigkeit der Drahtleitung zu befreien. Durch den Motorwagen und das Fahrrad will sich der Mensch mehr oder weniger von dem Zwange der Spurbahn loslösen. Der Motor in der Luft lößt ihn los, nicht nur von dem Zwange der Spurbahn, sondern auch von dem Zwange der Straße, von dem Zwange des Landes, von dem Zwange des Wassers.“ (Rudolf Martin, Das Zeitalter der Motorluftschiffahrt, 1907, Kapitel 22)

Hans Bartsch von Sigsfeld erlebte es leider nicht mehr, dass die Funkentelegraphie in der Luftfahrt Einzug hielt. Er verunglückte schon 1902 bei einer mißglückten Ballonlandung.