Außerirdische Spione, Chemie und die Liebe

Mit dem Titel Der Marsspion und andere Novellen stellen wir diesmal einen Erzählband vor. Carl Grunert beschäftigte sich, soweit wir wissen, nur mit Erzählungen – Zukunfts-Novellen, wie er sie nannte. Die Wendung soweit wir wissen ist leider kennzeichnend, denn es sind nur wenige biographische Details über ihn bekannt. Carl Grunert lebte von 1865 bis 1918, verheiratet, ein Sohn, und er war Schullehrer. Das ist es im wesentlichen.

Gegen diese trockenen Details geben seine Erzählungen ein viel farbigeres Bild ab. Der Mann kannte sich in der Science Fiction-Szene seiner Zeit aus, und ließ diese Kenntnisse durchaus in seine Novellen einfließen. So tritt in der zweiten Geschichte des Bandes, Pierre Maurignacs Abenteuer, ein gewisser H.G. Wells auf, der fleißig über Zeitmaschinen telegrafiert:

Pierre Maurignac verschwunden auf einer Maschine, wie ich sie in meinem Buche “Die Zeitmaschine” beschrieben habe. Behalten Sie Hoffnung und Glauben.

Man mag nun vermuten, dass in der titelgebenden Kurzgeschichte über einen außeriridischen Spion ebefalls direkte Referenzen zu War of the Worlds vorhanden sind. Schließlich war dessen deutsche Fassung Krieg der Welten schließlich bereits 1901 erschienen. Wir wollen nicht zuviel spoilern, können aber doch sagen, dass Der Marsspion zeitlich und thematisch woanders angesiedelt ist. Auch in Mysis, einer weiteren außerirdischen Spionageschichte, geht es eigentlich um …

Grunerts Geschichten in diesem Band behandeln keine Szenarien, die in der weiten Zukunft liegen. Er hätte wohl eher dem bekannten Diktum von William Gibson zugestimmt:

The future is already here – it’s just not evenly distributed.

Dementsprechend sind die Erzählungen in der Gegenwart oder der nahen Zukunft (1908!) angesiedelt. So ist auch zu verstehen, wie vor dem Hintergrund des damaligen Aufstiegs der deutschen Chemie- und Elektro-Industrie behandelt wird, wie die chemische Katalyse Liebesbeziehungen befördern könnte, oder welche segensreichen Wirkungen ein verirrter Telephondraht für das Wiederfinden der Geliebten haben kann.

Mit diesen  Geschichten bereitete Grunert seine Leserschaft in leichter und oft humorvoller Art auf die technologischen Umbrüche der nahen Zukunft vor. Insofern ist er nahe an Hans Dominik, der zwanzig Jahre später in vielen populärwisschaftlichen Artikeln und Kurzgeschichten ebenfalls die Fortschritte von Industrie und Technik vermittelte. Politisch-weltanschauliche Programmatik wird man bei Grunert nicht finden, außer der des Optimismus: dass der Fortschritt neben einigen Gefahren auch viel Schönes bringen kann!