DocBook und das Motto

Die Funktion des Mottos besteht weitgehend darin, zum Denken anzuregen, ohne daß man wüsste woran. (Michel Charles)

Ein vorgeschaltetes Motto war mir bisher nicht untergekommen. Bei technischen Texten, mit denen ich es meist zu tun habe, sind die nicht so verbreitet. Bei meinen eigene Texten war ich bisher meist zu froh, endlich fertig zu sein, als dass ich noch auf Mottosuche gegangen wäre.

Nun, bei dem Anlass zu diesem Artikel handelt es sich um eine andere Textsorte, älteren Datums auch, und dem Autor schien damals wohl ein Motto passend. Immerhin nur eines, und am Anfang des Textes, wie es sich gehört. Wie in Gérard Genettes Paratexte zu lesen ist, wo ich bei derlei ungewohnten Bestandteilen gerne mal nachschaue, nutzte man zu anderen Zeiten, etwa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bedeutend mehr Mottos, bis zu sieben!, und manchmal noch pro Kapitel. Das hat sich netterweise nicht gehalten.

Genette verortet das Motto an vier Stellen in einem Buch:

  1. Am Beginn eines Textes, nach der Widmung, aber vor dem Vorwort
  2. Am Beginn eines Kapitels
  3. Auf dem Titelblatt
  4. Am Ende eines Textes

Die Funktion des Mottos in den Fällen 1–3 liegt in der Anregung zum Nachdenken, entweder über den Titel (3) oder den Inhalt (1,2). Im Anwendungsfall 4 wäre das Motto eher ein Ersatz für das Schlusswort. Amüsant ist Genettes Hinweis auf eine eher unterschwellige, soziale Komponente bei der Verwendung von Mottos, die uralte Sitte des name droppings, wenn es mehr um die (Schmückung mit dem | Bürgschaft durch den) Zitategeber geht.

So theoretisch gestärkt wollte ich das erwähnte Motto in mein DocBook-Dokument einbauen. Neben der Widmung (dedication) bietet DocBook epigraph für solche Fälle:

A short inscription at the beginning of a document or component

Das Werk, um dessen Bearbeitung es hier geht, hatte ein Vorwort. Allerdings taucht das Motto – unvorschriftsmäßig – danach auf. Wenn ich das epigraph-Element nach dem preface einsetze, bekomme ich ein Validierungsproblem, das sei kein gültiges DocBook 5-Dokument:

<br />
 &lt;book&gt;<br />
      &lt;info&gt; ... &lt;/info&gt;<br />
      &lt;preface&gt;...&lt;/preface&gt;<br />
      &lt;epigraph&gt;...&lt;/epigraph&gt;<br />

Die Beschreibung ist bei der Lösung wenig hilfreich. Ich bin ja am Anfang des Dokuments. Auch wenn ich das Motto ganz nach vorn setze, der Fehler bleibt.

Bei genauerem Hinsehen ergibt sich dann ein uneinheitliches Bild. Ja, ein epigraph ist am Anfang eines Dokuments erlaubt (Fall 1), aber nicht, wenn es sich um ein Buch handelt. Bei einem Artikel ginge es. Da ist es dann auch egal wo. Fall 3 der Genettschen Liste ist dagegen gestattet, ein Motto darf auf dem Titelblatt erscheinen (cover).

Anwendungsfall 2, das Motto dem Kapitel zuordnen geht. Man kann Mottos in DocBook erstaunlich vielen untergeordneneten Inhaltskomponenten zuordnen, nur dem zweitgrößten Container (book, nach set) nicht. Da ich aber ein Buch bearbeite, muss ich das Motto wohl dem ersten Kapitel zuordnen, und es dann per Stylesheet vor das Kapitel setzen:

<br />
 &lt;book&gt;<br />
      ...<br />
      &lt;chapter&gt;<br />
        &lt;info&gt;...&lt;/info&gt;<br />
        &lt;epigraph&gt;...&lt;/epigraph&gt;<br />

Eventuell war das ja auch so gedacht. Ich muss mir wohl mal ein Original ansehen.

Der Anwendungsfall 4, Motto als Schlußwort, ist ebenso zu lösen. DocBook hat kein semantisches Element für Schlußwörter, da gibt es nur ein Vorwort (preface). Für solche Fälle muss man DocBook wohl mit TEI mischen, oder ganz umsteigen.