Geschichten hinter GPS-Routen

Nach meiner Beobachtung haben GPS-Routen meist die Eigenschaft gleichförmig linear oder kreisförmig auszusehen, wenn sie auf Karten und/oder Satelitenbilder projiziert werden. Linear bei Wanderungen vom Start- zum Zielort, kreisförmig bei Rund- und Spaziergängen, die wieder zum Ausgangsort zurückführen. Wilde Zacken in den Linien, die Gleichförmigkeit unterbrechend, lassen auf besondere Vorkommnisse schließen: ein Höhepunkt im Spannungsbogen der ständig durchkalkulierten Fortbewegung. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn diese Zacken auf einem relativ kleinen Ausschnitt der Route beschränkt sind, gar auf einen einzigen Ort.

Überraschende Zacken in der GPS-Route

Überraschende Zacken in der GPS-Route

Was war hier geschehen?, fragt sich der Betrachter. Ein quergestelltes Gefährt, das vielleicht gerade mit quietschenden Reifen gehalten hatte, die Straße sperrend. Dunkel vermummte Gestalten könnten herausgesprungen und auf den sich mehr oder weniger schuldig fühlenden Fußgänger losgespurtet sein. Der war dem Rammversuch des Gefährts wohl knapp entgangen und hetzte in den Wald. Dort ging es aber anscheinend nicht weiter, denn die Spur macht gleich wieder kehrt. Ein undurchdringlicher Dschungel, oder mehr Schurken, die ihn abfangen wollten? Was immer das Hindernis auch war, das Geschehen wiederholte sich frustrierenderweise noch einmal auf der anderen Straßenseite, bevor es zu einem kleinen Showdown in der Straßenmitte kam, dem unser Held durch mehr Hakenschlagen aber entgehen konnte. Wonach er sich endlich in den schützenden Wald schlagen konnte. Konnte er sich retten? Fragen über Fragen.

So ein GPS-Logger stellt ja leider immer nur eine Sicht des navigatorischen
Geschehens dar, die seines Trägers. Hätten wir jetzt noch die Daten eventuell anderer Beteiligter, könnten wir das Geschehen vielleicht leichter dekodieren.

Durchaus spannende Geschichten, die man so schildern könnte. Die Wahrheit zum obigen Bild war aber leider prosaischer. Ein erstaunlich schnelles und hartes Insekt hatte beschlossen, sich im Headbutting mit mir zu messen. Anhand der GPS-Ausschläge kann man leicht sehen, dass ich dabei verloren habe. Um dem hartnäckigen Rammbock gegen meinen Kopf zu entgehen, musste ich ein paar Haken schlagen, um dann in den wohlgeordneten Rückzug übergehen zu können.

Bei Form und Weite der Ausschläge muss natürlich auch die Ungenauigkeit der Ortsbestimmung mit einrechnen. Die obige GPS-Route habe ich mit MotionX auf dem iPhone aufgezeichnet. Die Anwendung ist zwar etwas aufdringlich, aber ganz brauchbar als GPS-Logger. Die Genauigkeit der Messung schwankt aber auch hier zwischen 1 und 30 Metern. Folglich ware die Ausschläge wohl nicht so dramatisch wie dargestellt, aber sie machen sich ganz gut als Dramatisierung, oder?

Dem Überfall durch das hartnäckige Insekt entkommen, erinnerte ich mich an eine kürzlich gelesene Geschichte aus Welcome to the Greenhouse, einer Sammlung zum Thema Klimawandel. In „That Creeping Sensation“ beschreibt Alan Dean Forster zukünftige Kammerjäger, die – technologisch aufgerüstet – mit zu Riesen angewachsenen Kakerlaken, Bienen und sonstigem Getier aus unserem städtischen Alltag kämpfen:

The bees pounced on them immediately. Exhibiting a determination and aggression unknown to their smaller ancestors, several dozen of them assailed the two bipedal figures that had started toward the house.

Und das alles bald auch in ihrem deutschen Wald.

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