Comics via iTunes

Seit einiger Zeit bietet Apple im iTunes-Store ein Format an, das sich iTunes LP nennt. Der Dokumentation zufolge ist das Format primär dafür gedacht, Musik- oder Video-Inhalte mit Extra-Inhalten, gar interaktiven Inhalten anzureichern. Als typische Beispiele solcher Zutaten werden Fotos, Liedtexte, Videos von Live-Auftritten angegeben. Klingt wie der Inhalt einer DVD? Trotzdem wird iTunes LP im Zusammenhang mit  digitalen Bücher genannt.

Das klang interessant, also habe ich mir einmal die Unterlagen zu iTunes LP angesehen. Daneben habe ich in iTunes nach Beispielen gesucht, und bin sogar fündig geworden. Keine reine Literatur, aber einen Comic, den man in diesem Format umzusetzten suchte. Zunächst aber zum LP-Format.

Andrew Flocchinis Rezept zur Herstellung eines eigenen Titels im LP-Format, How-To: Create Your Own iTunes LP, zeigt deutlich, dass die DVD-Analogie nicht weit hergeholt ist. Man geht bei der Zusammenstellung der Inhalte ähnlich vor, mit dem Unterschied, dass das Ergebnis nicht auf eine Scheibe gebrannt, sondern im Browser angezeigt werden soll. Es gibt also Menüs über die navigiert werden kann, und in die verschiedene Medientypen eingehängt werden können.

Betrachtet man jetzt iTunes LP unter dem Gesichtspunkt der Verwendbarkeit für die Gestaltung neuer elektronischer Bücher, schneidet es gar nicht so schlecht ab. Das Format bietet Navigationsmöglichkeiten und die Einbettung verschiedenster Inhalte. Dazu kommt, dass bestehende Web-Technologie für die Herstellung und das Abspielen verwendet wird, so dass die Produkte einem weiten Kundenkreis zugänglich gemacht werden könnten. (Konjunktiv, weil bisher alles auf iTunes zugeschnitten ist.) Zudem soll es in diesem Jahr möglich werden, eigene LP-Produktionen automatisiert in den iTunes-Stores einzuspeisen – also soll es auch den Produzenten leicht gemacht werden.

Kein Wunder also, dass einige Autoren laut darüber nachdenken, ob Apple diese Technologien auch für digitale Bücher einsetzen will. Siehe etwa One Step Closer To Apple Digital Books oder Apple Cooks Up Rich Interactive eBooks With PastryKit.

Nun, im Augenblick gibt es noch keine definitiven  Informationen darüber, wie es in diesem Punkt weitergeht. Aber ein kurzes Nachschauen in iTunes zeigt, dass sich immerhin ein Titel im LP-Angebot befindet, den man unter dem Gesichtspunkt “digitales Buch” betrachten könnte.  Es handelt sich um die digitale Fassung eines Comics, Tyrese Gibson’s MAYHEM!

Für €1,99 erhält man einen 400+ MB-Download. Der enthält den eigentlichen Mayhem-Comic, den Titelsong, dazu zwei Vorläufer-Comics. Als Extras sind noch die üblichen Fotos und Hintergrundbilder beigelegt, sowie ein “Making of …” Video.

Das Video ist ganz erhellend, denn man erfährt einiges darüber, wie das Multi-Talent Tyrese Gibson dazu kam, ein Comic zu produzieren. Und man erfährt, warum er eine digitale Fassung gemacht hat. Um dem Anteil seiner Fans, die normalerweise nie einen Comic-Laden besuchen würden, Comics nahe zu bringen. Der Mann ist als Rapper und Schauspieler im Showgeschäft erfolgreich, da liegt der Gedanke an eine Multimedia-Fassung wohl nahe.

Textsteuerung: Klassische Sprechblasen oder die Audiospur?

Textsteuerung: Klassische Sprechblasen oder die Audiospur?

Zurück zum Gegenstand, den Comics. Bei der Präsentation hat man sich Gedanken darüber gemacht, wie man das altehrwürdige Comic mit Multimedia kombinieren könnte. Beim Text hat man sich entschlossen zweigleisig zu verfahren.

Einmal kann man den Text in den klassischen Sprechblasen lesen, so wie man es von Comics gewohnt ist. Aber, und das ist die Neuerung, man kann die Sprechblasen auch ausblenden, und sich den Text vorlesen lassen! Die Steuerung erfolgt über zwei Symbole im Seitenkopf.  Vorlesen ist übrigens nicht ganz zutreffend. Man hat schon verschiedene Sprecher für die jeweiligen Rollen bemüht, es also etwas aufwendiger gemacht.

Die visuelle Steuerung erfolgt über ganz normale Vorwärts-Rückwärts-Pfeile, quasi als Diashow. Der Leser muss also schon selbst blättern, es ist kein Zeichentrickfilm daraus geworden. Interessant ist, dass man versucht hat den Seitencharakter eines Comics mit den verschiedenen Panels, die teilweise überlappen, zu erhalten. Der Bildwechsel simuliert den Blickwechsel, den man vornehmen würde, hätte man ein normales Heft vor sich. Sind aufgrund der Seitenstruktur mehrere Panele gleichzeitig im Bild, werden die gerade nicht aktuellen durch einen Grauschleier abgedunkelt, so wie man es von Foto-Galerien im Web kennt.

Die erhaltene Seitenstruktur weist aber auch auf die Grenzen dieses Ansatzes, einen Comic zu publizieren hin. Die Bildschirme sind nun mal quer-rechteckig und die Comic-Seiten hoch-rechteckig. Die Transformation ist in diesem Fall einigermaßen gelungen, ein Titel mit großen hoch-rechteckigen Panels hätte aber sicherlich viele Schwierigkeiten bereitet. Da muss man sich wohl von den Druck-Traditionen der Comics lösen.

MAYHEM! hat aber die bestehenden Möglichkeiten von iTunes LP gut genutzt, um ein Comic in einem Format zu präsentieren, das zur Zeit noch für andere Zwecke vorgesehen ist. Dabei hat die Tatsache, dass es sich um eine Bildgeschichte handelt sehr geholfen. Ein Titel mit mehr Text hätte es wohl schwieriger gehabt.

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