IF – Spielen oder Lesen?

Der englische Begriff Interactive Fiction (IF) wird in der deutschen Wikipedia angenehm neutral erklärt:

„eine Art von Computerprogrammen, die in Textform Geschichten erzählt, in die der Spieler durch Texteingaben eingreifen kann.“

Angenehm deshalb, weil so die sofortige Festlegung von IF auf Computerspiel vermieden wird. Schließlich könnte es sich ja auch, wörtlich übersetzt, um interaktive Belletristik handeln, mithin Schöngeistiges (belles lettres), nur eben interaktiv.

Die wichtigsten Entwicklungsphasen der IF sind an der Grafik abzulesen, die der Einteilung von Graham Nelson in The Inform Designer’s Manual, auch bekannt als DM4, folgt. Der IF-Entwicklung gegenüber gestellt sind einige Meilensteine in der Entwicklung des Inform-Compilers für IF, dessen Entwicklung hier als Beispiel gewählt wurde.

if-entwicklung

IF-Entwicklungsphasen

Wie an der Entwicklungslinie leicht abzulesen ist, hat IF seinen kommerziellen Höhepunkt schon hinter sich. Also warum nun das Thema erneut aufgreifen? Ich sehe mehrere Gründe, warum dieses Thema genau jetzt wieder interessant werden könnte.

Das wären:

  • durch die Veränderungen im Buch- und Spielemarkt verschwimmen die Grenzen zwischen dem was man bisher als „Buch“ und „Spiel“ auseinanderhalten konnte
  • durch die Entwicklung der Hardware, besonders bei mobilen Endgeräten, entstehen neue Geräte, die einen angenehmeren, leichteren Konsum von Texten oder IF mit hohem Textanteil möglich machen
  • durch Neuentwicklungen bei Autorensystemen wird die Integration von interaktiven Elementen in Texte auch für solche Autoren möglich, die keine großen Erfahrungen mit der SW-Entwicklung haben

Wie Nick Montfort in seiner kurzen Charakterisierung von Interactive Fiction darstellt, kann IF potentiell viele Formen annehmen, vom Spiel bis zur Literatur (sein Buch zum gleichen Thema, mit dem schönen Titel „Twisty Little Passages“, geht mehr darauf ein, empfohlen!). Bisher, besonders zu Zeiten des kommerziellen Höhepunktes, stand die Spieleform im Vordergrund. Ein Umstand, der dazu beigetragen haben mag, war die enge Bindung an unhandliche Rechner, und hier besonders das Terminal.

karisma in frotz

Christian Blümkes Karisma im Terminal-Interpreter Frotz

IF ist an Terminals entstanden und wurde maßgeblich an Terminals genutzt, d.h. meist gespielt. Für eine textbezogene Programmform liegt das Terminal als Ausführungsumgebung natürlich nahe. So ein Terminal ist das Minimum, das so ziemlich jede Rechnerplattform bereitstellt, also optimale Verbreitungsbedingungen, denkt man sich. Ursprünglich war das wohl auch so.

Heute jedoch erscheint mir diese enge Beziehung eher als hinderlich. Denn das klassische PC-Terminal, mit 80 Zeichen * 25 Zeilen ist für das Lesen von Texten doch etwas mager ausgestattet. Wie am Beispiel zu sehen, passen da gerade mal 4-5 kurze Absätze auf einen Bildschirm. Bei längeren Texten folgte dann gleich das gefürchtete „MORE“ , was hieß, das der gerade gelesene Text unwiederbringlich nach oben, aus dem Gesichtsfeld, geschoben würde. Dieses Verhalten änderte sich auch nicht mit dem Erscheinen grafischer Anzeigeprogramme, die eigentlich andere Möglichkeiten bieten.

Immerhin ist durch solche grafischen Anzeigeprogramme die Typographie schon deutlich verbessert worden, der typische Terminal-Look verschwand, außer natürlich wenn es um Retro-Ästhetik ging. Ein neuerer kommerzieller Versuch mit IF wieder Geld zu verdienen (textfyre.com) geht den logischen Schritt weiter und bietet IF nun mit der Buchmetapher als Anzeigeform. Es besteht kein Grund, warum nicht auch ein mobiles Endgerät, wie z.B. ein E-Book-Reader, mit etwas Interaktion, wie sie IF bietet verbunden werden könnte.

Auch bei der Herstellung von IF ist man einen Schritt weiter. Bis vor kurzem erinnerten Autorensysteme für IF noch sehr an Programmiersprachen. Mit Inform 7 ist man einen Schritt weiter gegangen, damit verfasste Szenen sehen oberflächlich schon wie Texte aus. Schaut man genauer hin, kann man die Programmiersprache noch erkennen, aber immerhin, es ist „literarisches Programmieren“.

Fragt sich also, ob nicht interaktivere Bücher ein Kulminationspunkt dieser Entwicklungen sein könnten. Die dafür nötige technolgische Grundlage ist besser als jemals zuvor. Was bleibt ist die Komplexität, die Interaktion in die bisher eher linearen Texte bringen würde.